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Im 400-Seelen-Dorf Lacoste im Luberon-Tal (Provence) der Vaucluse steht die Ruine des Stammschlosses der Familie de Sade. Am besten erreicht man es von Avignon aus indem man Richtung Apt nach Osten fährt.
Das Schloss hat eine lange Geschichte hinter sich. Lacoste, urkundlich erstmalig 1038 erwähnt, gehörte seit 1716 der Familie de Sade.
Wahrscheinlich wäre das Schloss schon völlig verschwunden, wenn nicht der Modezar Cardin die Ruine und die 4 Hektar Land gekauft hätte. Der Kaufpreis ist nicht bekannt.
"Das Grundstück hat mich sofort verzaubert", schwärmte Cardin. Cardin eröffnete ein Kunst- und Kulturzentrum.
"Und Sadismus ist nicht die Art meines Hauses", betont der 78-Jährige. Die Kultur solle dort im Vordergrund stehen.
Cardin ließ Tristan und Isolde aufführen und präsentierte dort sein gleichnamiges Parfum.
Als während eines Konzertes der amerikanischen Sopranistin Renee Fleming aus heiterem Himmel ein Platzregen auf die Sängerin niederging, schob man dies sofort der Rache des Marquis des Sade in die Schuhe.

Doch zuerst einmal einen Blick zurück.

Die historisch gewachsenen Dörfer Lacoste, Ménerbes, Lourmarin und Gordes zählen zu den schönsten in ganz Frankreich. Die Festungen wurden in die Berge hineingemeißelt und scheinen bedrohlich zwischen Himmel und Erde zu schweben. Mittelalterliche, reich mit Blumen geschmückte Häuser drängen sich in engen und verwinkelten Gassen. Hinter trutzigen Torbögen plätschern steinerne Brunnen. Die Uhren laufen hier etwas langsamer als anderswo. Das Erste, was uns bei unserem Besuch an den Marquis erinnerte war eine Ausschilderung zum „Cafe de Sade“. Unter einem Dach aus Efeu und Wein sitzt man der dort sehr ruhig und kann zu sehr zivilen Preise speisen und trinken. Es war im Juni und im ganzen Dorf fanden sich nur wenige Touristen ein. Überhaupt ist das Dorf touristisch wenig erschlossen. Die Kunst steht hier im Vordergrund. Seit 1971 hat sich hier eine Kunstschule etabliert, die mittlerweile große Teile der Stadt übernommen hat. Zahlreiche Galerien und Vernissagen erfreuen das Auge. Das Dorf ist traumhaft schön, mit seinen verwinkelten Ecken und dem üppigen Blumenschmuck.
An den Marquis selbst erinnert fast gar nichts. Offensichtlich will man die Geschichte des Marquis nur sehr vorsichtig touristisch einsetzen. Sogar auf ein Museum hat man verzichtet. Die Schlossruine selbst ist nicht so sehenswert, da sie sehr stark zerstört und das Innere nicht mehr zugänglich ist.

Der Marquis de Sade verbrachte hier viel Zeit, zumindest wenn er nicht gerade auf der Flucht oder im Gefängnis war.
Auch wenn er nicht alles was er schrieb auch real erlebt hatte, muss man ihn als Lüstling und Libertin bezeichnen. Viele seiner Orgien feierte er auch auf Lacoste und einige Mädchen des Ortes nahmen daran Teil. Der Marquis war nicht sehr beliebt im Dorf unterhalb des Schlosses, da er zudem auch als Lehnherr die Steuern kassierte und sich aufführte wie sich Adelige eben damals benahmen.

De Sade kam im April 1763 zum ersten Mal auf seinen Landsitz. Er war bei seinem ersten Besuch in Lacoste 22 Jahre alt. Der Vater hatte den jungen Marquis aus Paris weggeschickt. Die Vergnügungssucht seines Sohnes hatte ein tiefes Loch in die Familienkasse gerissen und für manchen Skandal gesorgt.
Im Jahr 1765 vergnügte sich de Sade den ganzen Sommer in Lacoste mit der Schauspielerin Beauvoisin. De Sade organisiert Feste und Theateraufführungen und gab dafür Unsummen aus – Geld, dass er gar nicht besaß.
1766 kam er wieder nach Lacoste, um das Schloss umzubauen. Der Marquis ließ außerdem einen Saal errichten, in dem er seine Stücke aufführte. Als de Sade den Winter 1767/68 in Begleitung seiner Frau in Lacoste verbrachte, hatte er gerade wieder einen Skandal provoziert. Eine Vergewaltigung ließ die Obrigkeit eher gleichgültig. Schwerer wog, dass de Sade der Gotteslästerung und der Sodomie bezichtigt wurde. Darauf stand damals die Todesstrafe. Er nützte die Zeit um sich mit der Schwester seiner Frau und dem Gesinde- Männer wie Frauen- zu vergnügen.
Nach dem Vergiftungsskandal in Marseille 1772 muss de Sade fliehen. Im April 1773 versteckte er sich in Lacoste. Noch mehrfach wird er Lacoste besuchen und seine Orgien inszenieren. Im August 1778 wird de Sade verhaftet und in Vincennes bei Paris eingesperrt. Erst elf Jahre später, nach Ausbruch der Revolution, kommt er wieder frei und legt seinen Adelstitel ab um nicht geköpft zu werden. Während er sich 1792 in Paris politisch und sozial engagiert, wird sein Schloss in Lacoste teilweise zerstört.
Die Dorfbewohner und angereiste Revoluzzer plündern und brandschatzen in seiner Abwesenheit den Adelssitz.
"Welch ein Verlust", ruft der Marquis später aus "Ich bin verzweifelt".
1797 fährt er ein letztes Mal in die Provence, verkauft das Schloss an einen Adeligen (der während der Revolution geköpft wurde) und kehrt nach Paris zurück. Lacoste sollte er nie wieder sehen.

Das Schloss Lacoste hatte beim Tod de Sades seine glanzvollen Zeiten längst hinter sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es von Andre Bouer, einem einheimischen Englischlehrer gekauft. In jeder freien Minute arbeitete er an seinem Schloss, um dessen vollkommenen Verfall zu verhindern.
Schließlich übernahm Cardin das Anwesen, renovierte und hauchte ihm neues Leben ein. Auch 2004 während unseres Besuches fanden Umbauarbeiten statt und das Betreten der Ruine ist nicht mehr gestattet. Cardin will die Ruine verstärkt für Mode- und Kunstfestivals ausbauen. Während der Sommermonate Juli und August sind dort fast täglich kulturelle Veranstaltungen geplant. Ob der Markenname Lacoste (z.B. T-Shirts usw.) etwas mit dem Namen des Schlosses zu tun hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Sollte Cardin eines Tages sterben, fällt das Schloss an eine Stiftung, an der auch die Gemeinde Lacoste beteiligt ist.
So scheint die Zukunft des Stammschlosses de Sades gesichert zu sein.