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Klappentext

Dieses zweite und letzte Werk der 2005 früh verstorbenen Annie Sadeau ist die multimediale Umsetzung der 7 Todsünden mittels Fotografie, Geschichten und Musik. Die 7 Todsünden werden dabei von den sieben Teufeln repräsentiert.
Zu jeder Sünde hat Annie Sadeau eine intensive Geschichte geschrieben, die durch einen roten Faden verknüpft werden. Sie beschreibt die Geschichte des Schriftstellers Leon Daridas, der den Auftrag bekommt tugendhafte Geschichten über die Liebe und Gott zu schreiben. Doch jede Geschichte entwickelt während des Schreibens eine Eigendynamik, ... verselbstständigt sich... und entspricht nie den Forderungen des Auftraggebers.

Im Gegenteil, es entstehen Werke voller Lust, Angst, Gewalt, Sex und Hass - Die 7 Todsünden halten Einzug. Leon ist verzweifelt, wird er doch immer stärker mit sich selbst und seinen Fantasien konfrontiert.

Und es gibt noch eine 8 Todsünde...

Die Todsünden wurden zudem fotografisch von Woschofius umgesetzt. Die dazu gehörende Musik CD "Die 7 Todsünden" von Carlos Peron und Woschofius ist bereits seit einem Jahr erhältlich.

Leseprobe 1

Dieser Medienagent, dieser wandelnde Fleischberg mit dem schulterlangen, fettigen Haar, sagte ihm doch glatt ins Gesicht, dass er kein Schriftsteller, sondern ein Ghostwriter, vielleicht sogar ein sehr guter dieser raren Sorte sei. Es war an einem heißen Sommertag – die Nachmittagssonne spielte Fangen mit dem Staub in dem lichtdurchfluteten Zimmer und verfing sich in einer über den kahlen Oberkopf drapierten Strähne des Herrn Robertino. Irgendwie wollte diese Strähne nicht den Kaschierkünsten des großen Meisters parieren und hing windschief über der rosafarbenen Kopfhaut. Der Ventilator war sicher Schuld daran – der Luftstrahl war auf das verschwitzte Puttengesicht des Mannes gerichtet, der sich mit einem Stapel Papiere Luft zufächelte und seine Schweinsaugen, besser gesagt, seine Fuchsaugen lauernd zusammenkniff. Fuchs, Wildschwein oder Adler – auf jeden Fall kam sich der junge Mann, der bis dato überzeugt war, ein aufstrebender Schriftsteller zu sein, wie ein verfolgtes Wild vor, beobachtet, belauert und schließlich gefasst, von den Krallen oder den Pranken des Stärkeren.
„Wissen Sie“, lispelte der Mann aus der Tiefe des auf seine Körperformen zersessenen Ledersessels heraus, „Sie schreiben besser und schneller als die meisten, sie schreiben gut, geradezu exzellent, wenn sie das schreiben, was man ihnen in Auftrag gibt und sie sind und bleiben eine große Null, wenn sie ihrer vermeintlichen inneren Berufung folgen und ihre Seele aufs Papier ausschütten. Lassen sie das und nehmen sie mein Angebot an: ein faires Angebot, sechs Prozent von jedem verkauften Buchexemplar und vorab einen Vorschuss von einem Tausender, schließlich müssen sie ja in diesen Wochen von etwas leben.“
Der Fächer, der eigentlich das Manuskript eines neuen Gedichtbandes des jungen Mannes war, hing wie eine schief aufgesetzte Schirmmütze über der Stirn des Agenten, so dass sein lauernder Blick nicht zu sehen, aber körperlich spürbar war. In den weißen Lichtströmen, die durchs Fenster fluteten und winzige Partikel der sieben Regenbogenfarben in sich trugen, saß der schwitzende Fleischkoloss seiner Überlegenheit bewusst. Seine Überlegenheit lag auf einigen Bankkonten und zwischen den Seiten billig eingekaufter Manuskripte, die teuer und mit Profit verlegt und verkauft wurden. Dank dieser Rückendeckung konnte er mit dem Hungerleider von Idealisten vor ihm leicht Katz und Maus spielen. „Ach, was, sie müssen eigentlich gar nicht auf die Prozente warten; ich habe vollstes Vertrauen in ihr Können und kaufe ihnen das ab, was sie für mich schreiben werden – einfach so – zack, zack, bar, cash. Sie kriegen das Geld und ich bringe das Buch unter irgendeinem Namen, vielleicht unter meinem eigenen, an den Mann. Unter ihrem Namen, unbekannt den einen und für die anderen sehr zerfleddert durch ihre Bekenntnisgedichte und Romane, kann man es wohl nicht verlegen. Na, los sagen sie ja. Im Grunde genommen bleibt ihnen gar nichts anderes übrig – ihr Magen knurrt hörbar und der Duft der Erfolglosigkeit entströmt ihren Poren. Ha, ha, Armut und Erfolglosigkeit riechen, man erkennt sie wie eine läufige Hündin an den spezifischen Ausdünstungen.“
Bei dem Wort „läufig“ hüpfte er von seinem Sessel in die Höhe, plumpste wieder zurück und knallte das Manuskript angeekelt auf den Schreibtisch. Er wirbelte damit ein Staubchaos auf, das die ihn umfließende Lichtaureole zerstörte.
„Was wollen sie damit?, sagte er verächtlich, mit der dicken Hand auf die lyrischen Ergüsse schlagend. „Wer, sagen Sie mir bitte, wer außer sinnlos Verliebter oder alter Jungfrauen liest heute noch Liebeslyrik. Und statistisch gesehen sind letztere im Aussterben begriffen und der Zustand der Verliebtheit eine zeitlich so verschwindend kurze Phase, dass es sich nicht auszahlt, dafür einen Heller in ein Buch zu investieren. Und wer, bitte, wer interessiert sich in dieser schnelllebigen Zeit der Reizüberflutung für Ihre epischen Exkurse in die Psyche. Vor hundert Jahren, da hätten sie eventuell damit berühmt werden könne, post mortem wahrscheinlich, aber immerhin berühmt. Jetzt aber sind Trends, Moderichtungen, mediengesteuerte Trips angesagt. Wer eine Nase wie die meine hat, erriecht die schon im Voraus und hat zur gegebenen Zeit das passende Manuskript in der Schublade.“
Leo Daridas, der Verfasser des staubaufwirbelnden Manuskripts, schaute auf die Knollennase in dem feisten Gesicht seines Gegenübers und bezweifelte den angepriesenen Spürsinn dieses hässlichen Riechorgans. Noch ehe er weiteren Gedanken über die Proportionalität dieses mit einem anderen menschlichen Organ aus den Niederungen des Körpers nachhängen konnte, polterte Herr Robertino los: „Herr Léeeon, schauen Sie sich mal um. Da stehen Bücher, von ihnen wider ihre Berufung geschrieben, aber von mir in Auftrag gegeben, mit meinen Piepen bezahlt und dank meines Marketingkönnens verkauft. Ja, ich weiß, sie wollen es nicht wahr haben, sie wenden den Blick von diesen Konsumgütern, wie sie das alles nennen und doch es produzierten, weil sie das Geld gebraucht haben. Erotische Romane unter Peno Ponto, harte SM-Geschichten unter dem Pseudonym Dominus X, Schlossromane für schlaflose Rentnerinnen als Benedetto Nocturno und dann diese Esoterikwälzer, als alle mit verklärtem Blick das Heil in Steinen und Strahlen zu finden glaubten. Und jetzt, lieber Herr Leon, ist Religion angesagt. Nach aller Unzucht und Unmoral schwappt dieser Reli-Trend aus Amerika herüber – alte Zöpfe neu geflochten und mit modischen Schleifchen apart verziert. Wer liest schon die Bibel, wer ackert sich durch diesen Wälzer von Mord und Todschlag und unglaubwürdiger Schuld mit anschließender Erlösung durch? Viel zu schwer, viel zu umständlich für unsere Schnellraffertempo-Zeit. Aber man kann den Stoff schmackhaft machen, das alte zähe Fleisch zu einer pikanten Mahlzeit mundgerecht zurechtklopfen ... und dafür brauche ich sie, Herr Leon“. Robertino lachte ein hässliches, gurgelndes Lachen und schlug sich mit der beringten Hand auf die Schenkel. Sein Lachen gluckste stoßweise aus seinem Rachen, als wären auch die Stimmbänder in Speckringe gepresst und von Fettmassen stranguliert.
„Ich heiße Daridas“, presste der junge Schriftsteller zwischen den Zähnen hervor. „Nennen sie mich bitte beim Nachnamen, wir sind weder Busenfreunde noch Kumpel. Da-ri-das, hören Sie, Herr Robertino, Da-ri-das – drei kurze Silben, leicht auszusprechen für einen Mann ihres unübertrefflichen Kalibers.“
Die Sonnenscheibe war hinter dem Betondach eines Hochhauses verschwunden und die ersten Schatten zerpflückten zuerst den Glanz der Goldstrahlen, um sie dann stückweise zu verschlucken. Robertino schob den Ventilator von sich, genau in Leons Richtung, so dass dieser, plötzlich dem kalten Luftstrom ausgesetzt, spürte, wie sein abgewaschenes T-Shirt kalt auf ihm klebte. Er roch seinen kalten Schweiß und fragte sich, ob aus diesen Ausdünstungen wirklich seine Erfolglosigkeit stank – offensichtlich und verräterisch, wie einem Alkoholiker eine Schnapsfahne voran geht. Leon glaubte, sein Geruchsinn spiele ihm eine Posse, als seine Nase plötzlich ein schweres, süßes Parfum erschnüffelte. Und dann sah er sie – die junge Frau, die lautlos gekommen war und jetzt verderbt lächelnd neben Herr Robertino stand. Ihre endlosen Beine steckten in hohen roten Stiefeln, um die Hüften war ein kurzer Lederschurz geschlungen, der vorne aufklaffte, als sie sich über den dicken Agenten beugte und einen feuchten Kuss auf dessen nasse Stirn drückte.
„Nimm Platz, Sheila“, gackerte dieser und bot ihr einen seiner monströsen Schenkel zur Ablage ihres nackten Gesäßes an. „Nicht so, nicht so, Sheila“, sagte Robertino mit gezierter Stimme, „im Reitersitz und mit dem Gesicht zu unserem lieben Gast, der etwas von deinen Reizen als Augenschmaus serviert bekommen soll. Hörst du, wie sein Magen knurrt? Kriegt der nichts, soll wenigstens sein Auge etwas Leckres abbekommen. Während du ihm die Filetstücke deines Fleisches zeigst, ziehe ich die Schnüre deiner Korsage etwas fester.“ Seine Worte kulminierten in einem Krähen und sein Gesicht nahm die Farbe eines in kochendes Wasser geschmissenen Krebses an. Er wippte mit dem Knie und nestelte an den Schnüren des schwarzen Gebildes, das den Bauch keusch bedeckte, die Brüste aber wie zwei reife Honigmelonen in die Höhe presste.
„Aua, du ziehst zu fest, du tust mir weh“, sagte die Frau mit einer Stimme, so lasziv und verrucht, dass sie den Inhalt der Aussage Lügen strafte und die Prozedur eher förderte als bremste. Es schien ihr Spaß zu machen, sich an Robertinos Knie zu reiben und von seinen Fingern geschnürt zu werden. Dabei schaute sie unter langen Lidern unentwegt auf Leon, wölbte ihren Mund und befeuchtete die Lippen mit einer rosaroten Katzenzunge, auf deren spitze ein kleiner Stecker glänzte.
„Wie der fleischige Kelch einer schönen Blume, auf dem ein Gifttropfen trügerisch wie eine Perle Morgentau glänzt“, dachte Leon, der sich ärgerte, dass sich seine Hose vorne wider Willen wölbte. Er wünschte sich weg aus diesem Raum und aus dem Dunstkreis der zwei Menschen, die ihn anekelten und gleichzeitig in ihrer Verderbtheit erregten. Er wollte nicht hinschauen und tat es doch mit einer Lüsternheit, die ihn in Staunen setzte und ihm bewusst machte, dass er seit Monaten mit keine Frau mehr geschlafen hatte. Nur dem Geistigen dienend, nur Verse feilend, hatte er die Signale seines Körpers überhört.Nach jedem Zug an den Schnüren der Korsage, nach jedem Hüpfen der Frau auf dem Schenkel des Agenten, folgten Worte, Sätze, aus denen Leon Daridas den Inhalt zu seinem Ghostwriter Auftrag wie ein Puzzle zusammensetzte. „Kirchentage sind angesagt“, keuchte der schwitzende Mann, „Treffen von Tausenden, die sich ihrer christlichen Wurzel besinnen“.
Ein langes Stöhnen begleitet von nunmehr kreisenden Bewegungen auf dem Knie, das Kutschbock und Pfropfen zugleich war, verschluckte fast die nächsten Worte. „Sie werden beten, den Herrn loben, die Gebote diskutieren“, gurgelte Robertino. Mit einer Hand knetete er jetzt die pralle Brust der Frau und zog am Nippel, der wie der Stiel einer reifen Frucht oder wie ein dunkler Stachel zwischen Daumen und Zeigefinger des Mannes lag. Mit der anderen Hand öffnete er die Schublade seines Schreibtisches, kramte ohne Hinzusehen darin herum und hielt plötzlich ein knallrotes Hundehalsband in der Hand. Leon schaute sich im Raum nach einem Hund um, sah keinen und schluckte sein Erstaunen hinunter, als er sah, dass es Robertino um Sheilas Hals legte. „Nicht lange hält dieser Trend ... nicht lange ... aber lange genug, bis sie das Buch geschrieben haben ... nicht zu früh und nicht zu spät darf es erscheinen. Schreiben Sie über ... .“.
Robertino war jetzt damit beschäftigt, das Band festzuziehen und die Schnalle zu schließen, er tat es langsam und mit sichtlichem Genuss, er zog fest daran, bis der Hals der Frau länger als vorher schien und ihr Kopf in die Höhe schnellte. Irgendwie bekam sie dadurch eine Note von böser Erhabenheit. Sie saß sehr gerade, kreiste aber weiter ihr Hinterteil auf Robertinos Kniescheibe und fasste mit beiden Händen nach dem kurzen Lendenschurz. Mit einer schnellen Bewegung riss sie ihn herunter und bot Leon die Ansicht einer rasierten Scham, die verführerisch glänzte – von der perlenden Lust einerseits und von dem vielen Schmuck der darauf und darin glitzerte. „Ja, Herr Léeeon, so ist das. Die Frömmelei wird jetzt eine Zeit lang die Gemüter festhalten und die Leute wollen den alten Glauben in ihre Sprach- und Bilderwelt übersetzt sehen. Was wissen sie schon alle über die Gebote, über die Tugenden, über die Todsünden ... nichts, gar nichts und das Gefasel der mittelalterlichen Pfaffen und der gegenwärtigen theologischen Episteln sind stinklangweilig. Gehen Sie hin, mein Sohn, gehen Sie hin und ... .“
Wieder fehlte das letzte Wort, denn die Frau stieß einen spitzen Schrei aus, als Robertino ihren hüftlangen Pferdeschwanz um sein Handgelenk wickelte und fest daran zog. „Ja, gehen Sie hin und schreiben Sie sieben Geschichten.“ Die Frau kreiste schneller, das Knie hüpfte in einem wilden Staccato immer höher, so dass Leon nicht mehr das Puttengesicht des Agenten, wohl aber die nassen Strähnen auf seiner Glatze sehen konnte. Wie gebogene Drahtbügel lagen sie über der Kopfhaut und das vorher widerspenstige Haarbüschel hing jetzt wie ein Rattenschwanz über dem rechten Ohr. „Sieben, schreiben sie über die Sieben."
„Worüber dann?“, fragte Leon Daridas wütend.

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