Das neue multimediale Werk von Woschofius heißt "Das Höllentor" und verbindet Woschofius Fotokunst, seine Schriftstellerei und seine Musik zu einem Gesamtkunstwerk.
Es ist das Tor, dass jeder Mensch in sich trägt und jedesmal, wenn wir die Türe öffnen, finden wir etwas anderes dahinter. So ergeht es auch Luzidus, dem Protagonisten dieser Geschichte.
Es ist bedrohlich... und trotzdem anziehend.
Zu diesem Buch gehört auch die Musik CD „Das Höllentor“ von Woschofius die bis 2010 fertiggestellt sein wird.
Die Musik kleidet die Geschichte und die Fotos in einen Klangteppich, der mal mystisch-sakral und dann wieder fließend und treibend ausgebreitet da liegt.
Auf der Homepage von Woschofius, findet sich auch ein kleiner Trailer mit ersten Fotoimpressionen.
Doch lassen wir nun den Autor selbst zu Wort kommen...
Höllentor
Einleitung von Woschofius:
Es war im Jahre 2004 und gemeinsam mit meiner Frau Alexandra besuchten wir Paris. Unser Weg führte uns auch ins Rodin-Museum, ... diesem Hort der lebendigen Kunst, ... eingebettet in einen wunderschönen Garten.
So beruhigend und lebendig der Garten ist, so weich sind auch Rodins Kunstwerke. Der tote Stein scheint mit einem besonderen Leben erfüllt zu sein. Spiegelungen, Licht und Schatten hauchen den Skulpturen ein unglaubliches Leben ein.
Seine Figuren sind teilweise nur so weit aus dem Block hervorgearbeitet, dass das Wesentliche in Erscheinung tritt. Rodin reduzierte seine Werke auf das Maximalste, ... und doch scheinen die Werke vollständiger und realer zu sein, als alle anderen Künstler es bisher darzustellen vermochten. Unsere Fantasie vervollständigt die Figuren und machen Sie lebendig.
Er hat es in seinen Werken verstanden seelische Erregungen, wie Lust, Leidenschaft und Verzweiflung, in der Ausdruckssprache des Körpers darzustellen. Rodin schlug keine Körper und Gesichter aus dem Stein, sondern modellierte die tiefsten, inneren Empfindungen zu denen Menschen befähigt sind.
Er war ein Bildhauer der die Seele der den Menschen in den Steinen fand.
Ein alter Bildhauerwitz sagt „Ich haue einfach alles weg, was nicht wie das Motiv aussieht.“. Bei Rodin ist dies anders. Er findet die Emotionen im Stein und entlässt sie ins Leben.
Hand in Hand schlenderten wir durch die liebevoll angelegten Beete. Und dann stand ich vor seinem Höllentor und der Mund blieb mir offen stehen.
Teufelsfratzen, gemarterte Körper, Angst, Visionen, Hoffnungslosigkeit, sterbende Menschen, die nach dem Leben greifen… vergebends.
Der Tod tropft ins Leben.
In mir selbst öffnete sich ein Tor, ... durch die eine Vision in mich floss, ... die mich über Jahre hinweg verfolgen sollte, vorwärtstrieb, aussaugte, inspirierte.
Ich sah Bilder vor mir, Geschehnisse und Musik.
Ich sah mein Höllentor, ... und es musste aus mir heraus.
Ein Tor beschreibt immer einen Anfang oder ein Ende.
Ich gehe hindurch und betrete etwas Neues
Ich gehe hindurch und verlasse etwas Altes.
Ich durchschreite das Tor des Todes und mein irdisches Sein endet.
Das Wort Tor leitet sich vom lateinischen „porta“ ab und wurde schon ab dem 15. Jahrhundert verwendet. Anfangs eher noch in der Bedeutung „Vorhalle“, ab etwa dem 16. Jahrhundert in der heutigen Bedeutung als prunkvoller Eingang.
Rodins Höllentor war eine Auftragsarbeit für das Musee des Arts Decoratifs. Es war die bildhauerische Umsetzung des genialen „Infernos“ von Dantes „Göttlicher Komödie“.
Zwischen 1880 und 1917 arbeitete er mal mehr, mal weniger daran... und immer wieder tauschte er Figuren aus, oder überarbeitete das Konzept.
Mehr als dreihundert Figuren verband er nach und nach zu einem Gesamtkunstwerk.
Er selbst hat es nie in vollständiger Ausführung gesehen... vielleicht wollte er das auch gar nicht.
Vielleicht war es auch zu seinem Leben geworden und er spürte, dass die Vollendung des Höllentores seinen eigenen Tod nach sich ziehen könnte.
Was hätte danach auch noch kommen können?
Das Tor war längst zu seinem Lebenswerk geworden ... sein in Stein gemeißeltes oder in Bronze gegossenes Vermächtnis.
Alles was er konnte und alles was ihm wichtig war, wurde durch dieses Tor repräsentiert.
Sein Weg durch das Höllentor kam am 17. November 1917...
Leseprobe
„Das graubraune Hanfseil, mit dem ich sie so oft gefesselt hatte, hing von der Decke, baumelte langsam hin und her und schien mich zu verhöhnen. Das untere Ende war etwas ausgefranst, weil ich nicht mehr die Muse gefunden hatte es sorgfältig mit einem dünnen Faden abzubinden.
Das Seil war alt, sehr alt, ... um genau zu sein fast dreißig Jahre. Es war das erste Seil, dass wir gemeinsam gekauft hatten. Zehn Meter Glückseligkeit, zehn Meter Lust und Leidenschaft.
Es war getränkt von ihrem Schweiß und Saft, der so stark nach ihrer Leidenschaft und Hingabe roch. Der gleiche Saft, der so oft an meinen Fingern klebte und dessen Geruch ich so sehr liebte.
Ich besaß viele Seile und fesselte in den vielen Jahren unserer Liebe auch manch andere Frau zur Marionette, ... an Fäden aufgehängt, ... präsentiert, ... verfügbar, ... und herrlich wehrlos.
Doch dieses eine Seil war für UNS reserviert, ... für SIE bestimmt und nur ihre Haut durfte es berühren.
Noch als vieles in unserer Beziehung beliebig wurde, war dieses Seil ein Anker geblieben der uns verband und daran erinnerte was wir füreinander waren.
Gemeinsam hatten wir das Hanfseil abgekocht, getrocknet und anschließend das Fett einmassiert um die Prozedur danach nochmals zu wiederholen.
Aus dem rauem Hanf wurde UNSER Seil. Gut lag es in der Hand und glitt sanft wie ein Seidentuch durch meine Finger und über ihre weiße Haut.
Doch es konnte auch zupacken, ... hart und erbarmungslos einen Körper verschnüren und seine ebenmäßige Flechtung in die bebende Haut gravieren.
Diese Druckstellen, über die meine Lippen zärtlich wanderten waren die Male unserer Lust.
Doch nun baumelte es verlassen von der Decke, war abgenutzt, einsam und am Ende ... wie unsere Liebe.
Ich konnte mich noch gut daran erinnern, als ich es das erste Mal versucht hatte Sie marionettengleich aufzuhängen. Mit nervösen Fingern schlang ich das Seile um ihren herrlich schlanken Körper, der weiss wie Alabaster war und auf dem das braune Seil mit ihren roten Haaren kontrastierte. Als ihre zarten Füße dann den Kontakt zum Boden verloren, stöhnte sie leise auf. Das Seil presste ihren Brustkorb schmerzhaft zusammen und ihr Blick traf den meinen.
Sie hätte nie etwas gesagt...
Doch ich spürte ihren Schmerz, der nicht der Schmerz der Lust war.
Ich lies sie rasch zu Boden sinken und wir nahmen uns in den Arm um minutenlang in uns versunken unsere Verbindung zu spüren; ... eine Verbindung die selten viele Worte benötigte.
Als sie dann das erste Mal wie ein herrlicher weißer Schwan schwerelos in der Luft schwebte, schossen mir die Tränen in die Augen und rollten wie Perlmutperlen meine Wangen hinab.
Wir waren Eins geworden, ... glücklich und tief berührt.
Viel Male fesselte ich sie zur ästhetischen Skulptur und befriedigte meine Lust an ihr.
Gemeinsam flogen wir ins Reich unserer Träume, während unser Seil ihre herrlichen Brüste umschlangen und ihre kleinen, harten Warzen anschwollen.
Nachdem das Seil wieder gelöst wurde und wie eine elegante Schlange an ihrem Körper nach unten glitt, schauten wir uns das rote Muster auf ihrem Körper an, dass unser Seil dort hinterlassen hatte.
Dann nahmen wir uns glücklich in die Arme und genossen schweigend den Moment.
Danach nahm ich das Seil auf und legte es sorgfältig zusammen, damit es jederzeit bereit war unsere Verbindung zu erneuern. Erst in doppelt gelegte Schlaufen, dann drei Windungen um diese Schlaufen herum und schließlich zog ich zum Abschluss das Auge durch die Mitte hindurch. So konnte ich es gut aufhängen und beim Öffnen gab es zudem keine ungewollten Verknotungen.
Es war ein gehorsames Seil.
Die Tage unseres Glücks wurden zu Monate und dann zu Jahren. Das Seil ergraute wie meine Schläfen und ihr wallendes rotes Haar.
Schon lange hatte der schleichende Tod sich ihres Körpers bemächtigt ohne uns gegenwärtig zu sein. Als er dann laut zuschlug war es zu spät... Mein Schwan schloss ihre zarten Augen für immer.
Sie ließ mich alleine zurück.
Wochenlang schloss ich mich in unser geheimes Reich ein und ließ unser Seil wieder und wieder durch meine alten, fleckigen Finger gleiten.
Schon längere Zeit fiel es mir schwer die komplizierten und doch so einfachen Knoten zu flechten. Was früher wie von Geisterhand und ohne hinzuschauen gelang, forderte nun meine ganze Aufmerksamkeit.
Meine Tränen benetzten die Hanffasern und legten sich schwer auf meine Seele.
Doch einmal noch würde ich es schaffen dem Seil meinen Willen aufzwingen. Es war ein einfacher Knoten, ... ein Knoten der das Seil zum Schließen bringen würde. Leise und sanft würde sich die Lebensschnur enger und enger zusammen schnüren, bis der Widerstand des Körpers zu groß sein würde.
Der Knoten hatte die Form einen keltischen Zeichens angenommen. Es war das Zeichen der Ewigkeit... in sich verflochten, ... ohne Anfang und Ende.
Nun viel die Lebenslast von mir ab und mein Körper folgte dem Schwan auf seinem Flug.
Zum letzten Mal...“


