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Belladonna, erhältlich in unserem Shop

Annie Sadeau lernte ich vor einigen Jahren kennen, als sie uns ein Skript übergab. Sie suchte einen Verleger für ihren Roman Belladonna. Es dauerte aber noch nahezu zwei Jahre, bis wir auch geschäftlich zusammenfanden. Zu diesem Zeitpunkt waren wir uns als Mensch sehr nahe gekommen... Annie ist eine fantastische Persönlichkeit. Ein Grund für uns, euch Annie einmal näher vorzustellen.

Annie, du schreibst unter Pseudonym, warum?

Das Leben verläuft nicht immer eingleisig – manchmal lebt man in zwei oder mehreren Welten zugleich, fährt also in verschiedenen Zügen, die verschiedene Zielbahnhöfe haben. Bringt man die Züge auf ein Gleis – ja, da kommt es zur Kollision. Die Welten, in denen ich lebe, vertragen sich nicht miteinander. Mein Pseudonym ist die Brücke von der einen zur anderen Welt.Außerdem – ist es nicht auch kribbelnd und aufregend einmal als eine Person und dann als die andere angesprochen zu werden? Ich liebe nämlich Geheimnisse.
Geheimnisse sind die Würze der unausgesprochenen Wahrheit.

Schreibst du auch andere Literatur?

Ja, ich schreibe unter dem Namen, der in meinem Personalausweis steht, auch andere Literatur – Erzählungen, Romane, Gedichte, Essays und stehe mit Lesungen oft in der Öffentlichkeit.Die Leser dieser Literatur würden die Literatur der Annie Sadeau nie akzeptieren.
Wo wahre Literatur beginnt oder aufhört mögen die Götter oder die Reich-Ranitzkis der Gegenwart entscheiden. Beide können sich irren.

Was macht Annie, wenn sie nicht schreibt?

Oh, das ist schlimm, wenn ich nicht schreibe, aber die Tage bestehen eben nicht nur aus Schreiben. Ich gehe einem ganz trockenen Broterwerb nach, tue so, als würde ich gar nicht schreiben, aber im Kopf schreibe ich dennoch ungesehen von anderen.
Nicht schreiben können, wenn man schreiben will, ist wie in einem engen Glaskasten sitzen, ohne einen Stein zum Zertrümmern der Scheibe parat zu haben. Es ist wie ein bisschen Ersticken.

An was arbeitest du gerade?

Als die Konventionelle, erfinde ich einen psychologischen Krimi. Zwischendurch immer wieder Essays, Gedichte, Kurzgeschichten. Annie Sadeau ist am nachdenken...
Schreiben ist keine Arbeit, Schreiben ist Elixier für Geist, Körper, und Seele.

Wenn du einen Wunsch frei hättest...?

Nicht mehr arbeiten müssen, ein kleines Haus am Meer, keine gesellschaftlichen Verpflichtungen und schreiben, so oft und so viel ich möchte. Bescheiden. Was? Und noch etwas: einen Bestseller auf den Markt zu bringen. Ich schreib nämlich nicht nur des Schreibens willen, als Therapie oder zum Selbstzweck.
Mein größter Wunsch ist der, die Freiheit des Wünschens und Träumens niemals zu verlieren.

Gibt es Vorbilder für dich?

Ich bewundere die Großen der Literatur, die Schrillen und Skandalösen der Kunst, versuche aber keinem Bild zu folgen. Jeder ist auf seine Art einzigartig.
Vorbilder pressen in Muster, leiten auf gekünstelte Gleise, blockieren.

Warum schreibst du SM-erotische Geschichten?

Es begann mit einem simplen Versuch: mir zu beweisen, dass ich mich in Menschen, die anders leben und lieben, hineinversetzen kann. Es begann, als ich „Die Geschichte der O.“ gelesen habe und mich der Autorin (Pseudonym Pauline Réage, aber in Wirklichkeit eine ganz andere) wahlverwandt fühlte.
Lust und Schmerz, sprich Lustschmerz, Dominanz und Hingabe sind Begriffe und Zustände, die mich immer schon fasziniert haben.

Was fühlst du, wenn du schreibst?

Den Drang Personen zu erfinden und mich dann von ihnen leiten zu lassen. Manchmal haben die erfundenen Personen und nicht ich die Oberhand. Das ist spannend, prickelnd und oft auch erregend. Ich spüre die Dominanz der Wesen, die ich geistig geboren habe.
Schreibend erlebe ich andere Welten, tauche in sie ein und kehre etwas verändert an die Oberfläche zurück.

Hast du dich in „Belladonna“ selbst beschrieben? Bzw. sind es reale Erfahrungen?

Diese Frage ist wie ein Kompliment. Wenn ich alles so gut beschrieben habe, dass man es als Realität entgegennehmen kann, bin ich zufrieden. Nein, Belladonna ist nicht A. Sadeau und auch keine Person, die ich kenne. Die Begebenheiten sind frei erfunden. Natürlich sind Schauplätze oft von realen Orten inspiriert und da man nie ohne sein eigenes Ich schreiben kann, stecke ich wohl bewusst oder unbewusst selbst in vielem drin.
Die Phantasie ist wie ein bunter Spiegel, in dem Reales verzerrt und Erfundenes in voller Klarheit dem Auge sichtbar wird.

Trifft man dich in der Szene?

Eigentlich nicht. Abgesehen von kleinen Vernissagen, Buchvorstellungen, mehr oder weniger privaten Zusammenkünften. Die sogenannte Szene ist mir persönlich fremd, obwohl ich alles in Publikationen verfolge und so auf dem Laufenden bleibe.Mit Augenzwinkern und Lächeln: mein Alter und Aussehen würde viele enttäuschen, die „Belladonna“ gelesen haben und die Autorin mit der Protagonistin vergleichen.
Die Welt ist eine große Bühne – man muss nicht alle Szenen mitspielen, um die Handlung zu begreifen.

Was ist deine größte Schwäche?

Oh, ich habe viele Schwächen. Die mir selbst sehr schaden, sind: übersteigertes Mitleid, Schuldgefühle für Dinge, an denen ich gar nicht schuld sein kann, Selbstzerfleischung, Unrast und Ungeduld. Zu viel, um die Leichtigkeit des Seins zu genießen.
Das sich Suhlen im eigenen – erfundenen oder wahren Schmerz – ist vielleicht auch eine Art SM, bei der man als Partner sich selbst hat.

Was ist deine Stärke?

Toleranz und Verständnis für andere, Ausdauer, Akzeptanz von Dingen, die man nicht ändern kann und eine Portion Optimismus, auch wenn ich diesen nicht breit lächelnd zur Schau trage.
Meine Stärke: über den Tellerrand schauen, auch mit dem Risiko, mich an der daneben liegenden Gabel zu verletzen.

Wirst du deinen Pseudonym einmal lüften?

Wahrscheinlich werden das andere für mich erledigen. Vielleicht auch ich selbst oder mein Schreibstil.


„Die Sonne bringt es an den Tag“ oder „Sag niemals nie, denn es kann anders kommen.“


Vielen Dank für das Gespräch.

VITA:

Geburtsdatum:
im vorigen Jahrtausend, Mitte des vergangenen Jahrhunderts, als letzte Jungfrau mit Aszendent Fische und starkem Uranus. Wer eine Frau nach dem Alter fragt, muss damit rechnen, belogen zu werden.
Geburtsort: fern vom Lande der Dichter und Denker, der Eichen und Linden. Nah von Draculas Schloss, im Lande der Wölfe und Bären. Ich wurde aber mit Muttermilch und nicht mit Blut oder Wolfsmilch aufgezogen und bin noch keine Untote. Aber wer weiß?! Wer seinen Geburtsort verrät, muss damit rechnen, dass ein Netz von Vorurteilen, entstanden durch Unkenntnis, über ihn geworfen wird.
Elternhaus: katholisch, auf Disziplin, Ordnung, Bescheidenheit ausgerichtet. Daraus kann ja nur Anpassung oder Revolte entstehen. Letzteres geschah bei mir. Vorteil: viele Bücher, gute Bildung. Elternhäuser fressen Seelen auf. Erst wenn man die Mauern sprengt, die Grenzen niederreißt, fühlt man eine relative Freiheit. „Belladonna“ war so ein Vernichtungs- bzw. Rebellionsversuch.
Ausbildung: Gymnasium und Uni lehrten mich das „Wort“ zu lieben. Das Jonglieren mit Worten brachte mich dazu, andere Literatur zu lehren. Keine Hochschule lehrt einen das Leben in seiner Vielfalt. Die beste Ausbildung ist das Leben selbst.
Wohnort: in einer mittelalterlichen Stadt mit einer Burg, die keine Burg ist, mit Hügeln auf denen Wein wächst und in einer engen Straße ein Laden mit dem Namen „Bella Donna“ zu finden ist. Der Ort, an dem ich wohne, ist mir weder besonders lieb noch besonders gleichgültig. Ich könnte genauso gut woanders leben. Lokale Wurzeln kenne ich nicht.
Hobbys? Lesen und Cafés aufsuchen, um dort zu schreiben oder um Menschen zu beobachten. Voyeuristische Ader? Schreiben sehe ich nicht als Hobby, sondern als Bedürfnis und Obsession.

Hobbys sind Tätigkeiten, die jene Zeit totschlagen, die übrig bleibt, wenn die Pflichten des Alltags erfüllt sind. Sie sind eine Geißel der Postmoderne nach dem Motto: Sage mir dein Hobby, dann sage ich dir, was du wert bist.

Annie Sadeau veröffentlichte „Belladonna“, „Tag und Nachtwerke“, „Die 8 Todsünden“ (NachtwaertZ) sowie auch Geschichten in den “Schlagzeilen“, in „Böse Geschichten“ des Grimme Verlags, in Anthologien des Verlags Tegtmeier und in Heften des „Club Caprice“.