Der Name SOPOR AETERNUS wird vielen aus der SM-Szene noch nicht sehr viel sagen. In der Gothic-Szene hingegen sind SOPOR AETERNUS allerdings schon seit vielen Jahren sehr bekannt. Ihre todesromantischen Songs von der/die charismatische(n) Sänger(in) Anna-Varney verdienen etwas mehr Aufmerksamkeit. Ein Grund für uns, Euch Anna-Varney einmal näher vorzustellen.
Anna-Varney gab uns ein Interview, dass sich von den bisher von uns veröffentlichten deutlich unterscheidet... weil sowohl die Musik, als auch das Wesen Anna-Varneys eben anders sind.
Nachtwaertz: Hallo, meine erste Frage lautet: "Wie darf/soll ich Sie/Dich denn ansprechen?
Anna-Varney: Anna-Varney, gottgleiches Wesen, Quelle vollkommenster Reinheit und Schönheit sondergleichen, Zentrum des bekannten Universums, Retterin der Erde, Hausfrau und Supermodel.
Nachtwaertz: Wie kam der Bandname SOPOR AETERNUS zustande?
Anna-Varney: Ach, ich glaube, es war in einer dieser schrecklich drückenden Sommernächte, der heutigen gar nicht mal so unähnlich, als ich – quasi gezwungenermaßen – auf dem örtlichen Friedhof zu einem kurzen Einkaufsbummel unterwegs war. Ich war schon die ganze Woche über von einer seltsamen, erwartungsvollen Unruhe erfüllt, deren Ursprung ich allerdings nicht wirklich zu ergründen vermochte. Als ich schließlich nach gut einer Stunde endlich alle meine Besorgungen beisammen hatte, machte ich mich unter verhaltenem Geschepper schwerbeladen auf den Heimweg. Ich bog gerade um die zweite Straßenecke, als ich an einer schmutzigen Telefonzelle vorbei kam, deren Scheiben bereits seit geraumer Zeit eingeschlagen waren. Ich schlurfte also gedankenverloren daran vorbei, als just in diesem Augenblick das Telefon im Innern schrill zu läuten anfing. Da sonst absolut niemand in der Nähe war und ich es auch nicht wirklich eilig hatte, blieb ich daher kurzerhand stehen, nahm den Hörer ab und meinte: “Ja... ?!“
Eine nasal und irgendwie gelangweilt klingende Stimme versicherte mir daraufhin: “Einen Augenblick bitte. Legen Sie nicht auf, Sie werden weiterverbunden“.
Zuerst hörte ich lediglich eine Art statischen Rauschens, doch dann vernahm ich deutlich eine dunkle Stimme, eigentlich mehr in meinem Kopf, als tatsächlich aus dem Hörer kommend, die donnernd verkündete: „Bitte erschrecken Sie nicht! Dies ist eine persönliche Nachricht für Sie direkt von Gott!“ ... und ich dachte nur: „Oh Mann, das wird aber auch wirklich allerhöchste Zeit!!!“
Nachtwaertz: Als ich zum ersten Mal Photos von Dir sah, wurde ich sehr stark an Klaus Kinskis Darstellung des „Nosferatu“ in Werner Herzogs gleichnamigen Remake von 1979 erinnert. Kinski war auch als Mensch ein außergewöhnlicher Charakter. Hat er Dich inspiriert oder habt Ihr gar eine geistige Verbindung?
Anna-Varney: Nein, überhaupt nicht. Ich muß gestehen, daß ich nie auch nur das geringste Interesse für Klaus Kinski verspürt habe. ABER - und dies muß ich andererseits wirklich betonen - seine Interpretation des Untoten ist, zumindest soweit wir dies beurteilen können, die einzig angemessene Darstellung in der gesamten Geschichte des Phantastischen Films, da nur er es bislang verstanden hat, dem allgegenwärtigen, allesverzehrenden Schmerz dieser Figur gebührend Ausdruck zu verleihen.
Nachtwaertz: Was mich auch sofort beeindruckt hat, ist Dein Spiel mit den Geschlechtern: Frau, Mann, Mischwesen ... – als was fühlst Du Dich?
Anna-Varney: Wir sind Anna-Varney ... und mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Nachtwaertz: Inwieweit bestimmt Anna Dein Leben ... oder ist es nur eine Rolle in die Du schlüpfst?
Anna-Varney: Ich fürchte, ich verstehe Ihre Frage nicht ganz.
Nachtwaertz: Ich bin 2001 das erste mal über Deine Musik gestolpert und war fasziniert von Deiner morbiden Stimme. Von da an liefen Deine CDs bei unseren SM-Partys.
Anna-Varney: Das ist aber nett. Welche Stücke genau haben Sie denn für diese Gelegenheiten ausgewählt?
Nachtwaertz: Es ist fast die komplette CD „Dead Lovers Sarabande - Face 2“. Vor allen Dingen aber „Abschied“ und „The Dog Burial“. Wir werden diese CD unseren Lesern in der nächsten Ausgabe vorstellen.
Anna-Varney: Ah, ich verstehe ... – das ist zum Teil ein bißchen so wie mit dem Stück „Little Velveteen Knight“, welches man in Amiland, wie ich hörte, als Teil des Soundtracks für irgendeinen Low-Budget-Skateboardfilm verwendet hat. Es ist eben alles eine Frage der Wahrnehmung und der Interpretation.
Nachtwaertz: Hast Du selbst sadomasochistische Neigungen/Erfahrungen?
Anna-Varney: Ach, wissen Sie, ich vermute, daß die im Grunde jeder Mensch auf die ein oder andere Weise hat; zumindest von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet ... - wenn Sie verstehen, was ich meine. Wir alle schreien lautlos unser Leid in die Welt, und wenn dann durch bloßen Zufall oder Fügung jemand Zeuge unserer erbärmlichen Darbietung wird, uns vielleicht sogar tröstend zuspricht, oder einfach nur Aufmerksamkeit zuteil werden läßt, so kann es zuweilen durchaus passieren, daß wir uns, vielleicht lediglich aus Ermangelung einer besseren Alternative, insgeheim an diesen bemitleidenswerten Zustand klammern und, als schrecklicher Ersatz anstelle der eigentlich erhofften Erlösung, unser Elend beständig neu erschaffen, nur um (natürlich schamvoll verklärt) ein bißchen Genuß und/oder Genugtuung aus den sorgenvollen Blicken Fremder zu ziehen.
Abgesehen davon leben wir zölibatär, falls Ihnen das irgendwie weiterhilft.
Nachtwaertz: In dem Lied „Shadowsphere“, dem dritten Stück auf dem Album „Todeswunsch – Sous le Soleil de Saturne“, gibt es folgende Textzeile, die mich sehr beeindruckt hat:
"This is a sad day ... here in the world of shades, but even pain has its own beauty ... – even pain can perform a lovely face"
Wie und warum entstand dieser Text?
Anna-Varney: Weil er notwendig war. Weshalb auch sonst?
Nachtwaertz: Die Art, in der Du Deine Texte schreibst, erinnert mich etwas an „The Raven“ von Edgar Allan Poe, zumal Poe ebenfalls eine sehr starke Todessehnsucht in sich trug.
Anna-Varney: Weshalb ausgerechnet „The Raven“? Soweit ich mich entsinne, habe ich bisher niemals diese spezielle Form des Reimes verwendet. Aber ich danke Ihnen dennoch für dieses freundliche Kompliment. Das ist ein wirklich sehr schöner Vergleich.
Nachtwaertz: Seid ihr Seelenverwandte?
Anna-Varney: Wie sollte ich diese Frage wohl beantworten?
Nachtwaertz: Ich habe jetzt schon zweimal versucht, Dich mit anderen zu vergleichen. Könnte das eventuell daran liegen, daß man Dich so schlecht erfassen kann, da sich Deine Arbeit ja im Grunde jedweder Kategorisierung entzieht?
Anna-Varney: Mag sein.
Nachtwaertz: Schmerz, Verzweiflung, geistiger sowie körperlicher Zerfall und die allgegenwärtige Präsenz des Todes sind die vorherrschenden Themen in Deiner Arbeit. Was bedeutet Dir der Tod?
Anna-Varney: Ach, zuweilen ist mir, als sei ich ständig und einzig nur noch von Ihm umgeben, sodaß ich nichts anderes mehr wahrzunehmen vermag. Wobei manche Tage natürlich schlimmer als andere sind. Das Übliche eben.
Nachtwaertz: Was bedeutet Dir Liebe?
Anna-Varney: Davon verstehe ich nichts.
Nachtwaertz: Was bringt Dich dennoch zum Lachen?
Anna-Varney: Oh, das kommt vermutlich ganz auf die Situation an. Ein Bekannter hatte mir vor kurzem zwei ältere Filme geliehen, die ich durchaus sehr amüsant fand. Der erste war „Night of the Intruder“, welcher mich zumindest teilweise zum Lachen brachte ... und der andere war „Dawn of the Dead“, dem es doch tatsächlich gelang, mich nachhaltig aufzuheitern.
Nachtwaertz: Du arbeitest bereits seit längerem mit dem in Wien lebender KünstlerJoachim Luetke zusammen, der auch die hier gezeigten Bilder fotografiert hat. Wie kam es zu dieser Kollaboration?
Anna-Varney: Ich vermute, dies ist eine von jenen glücklichen Schicksalswendungen, wenn Sie so wollen. Genaugenommen arbeiten wir eigentlich erst seit etwa zwei Jahren zusammen, obwohl es mir tatsächlich länger vorkommt. Daher gebe ich mich zuweilen gerne dem Glauben hin, daß es wohl einfach so hatte kommen müssen. Wie genau sich alles zusammenfügte ist im Grunde nicht weiter wichtig; lediglich der Umstand, daß wir nun zutiefst wundervolle Dinge erschaffen ist letztendlich von wirklicher Bedeutung.
Nachtwaertz: Einen großen Teil Deiner CDs gibt es nur in limitierter Auflage (z.B. „La Chambre d’Echo – Where the dead Birds sing“). Warum limitierst Du Deine Werke?
Anna-Varney: Das ist eigentlich nicht ganz richtig, denn es sind lediglich die Erstauflagen, welche wirklich limitiert sind. Herkömmliche CDs finde ich gelinde gesagt witzlos, zumindest von künstlerischen Standpunkt aus betrachtet. Aus diesem Grund hat es auch sehr lange gedauert, bis ich mich überhaupt so halbwegs an sie gewöhnt hatte: Erbärmliche kleine Booklets, die so winzig sind, daß man kaum etwas darauf erkennen kann, von einem vernünftigen Design ganz zu schweigen. Alles ist industriell vorgegeben, sieht gleich aus, macht im Allgemeinen relativ wenig Arbeit und ist letztendlich belanglos. Das alles mag für Beamtenseelen ja durchaus praktisch sein, doch für den kreativen Geist ist diese Begrenzung einfach nur abstoßend.
Leider ist Apocalyptic Vision nur ein sehr kleines Independent-Label (wobei „unabhängig“ natürlich stets relativ zu verstehen ist, denn niemand in diesem „Geschäft“ ist wirklich und vollständig unabhängig), weswegen wir uns eben auch nur eine begrenzte Anzahl an Veröffentlichungen leisten können, die tatsächlich mehr oder weniger so aussehen, wie sie ursprünglich konzipiert wurden. Der Rest ist dann eben zumeist eine Art Kompromiß.
Bei dem aktuellen Album „La Chambre d’Echo – Where the dead Birds sing“ verhält es sich glücklicherweise etwas anders. Hier wird es in absehbarer Zeit erst einmal keine Standard-CD geben, dafür wird aber die 128 Seiten starke Buch/CD-Edition im Softcover zu einem wirklich sehr günstigen Preis erhältlich sein.
Nachtwaertz: Es gibt Gerüchte, daß alle CDs neu aufgelegt werden sollen ... auch die bisher limitierten. Stimmt das?
Anna-Varney: Nein. Lediglich die neun regulären Alben werden mit neuem Artwork wiederveröffentlicht. Die zwei, bzw. drei limitierten EPs sind und bleiben eine einmalige Sache.
bleiben eine einmalige Sache.
Nachtwaertz: Was macht Anna-Varney, wenn sie sie selbst ist?
Anna-Varney: Sie schläft.
Nachtwaertz: Was planst Du als nächstes?
Anna-Varney: Tut mir leid, aber darüber können wir nicht sprechen.
Nachtwaertz: Kann man Dich irgendwo, irgendwann vielleicht einmal live erleben?
Anna-Varney: Oh, ich hoffe nicht. Das muß ich mir wirklich nicht antun.
Nachtwaertz: Wenn Du drei Wünsche frei hättest ...
Anna-Varney: Ich fürchte, das hatten wir schon mal, oder?!
Nachtwaertz: Vielen Dank für das Interview.
Anna-Varney: Ich danke Ihnen.
Linktips:
www.soporaeternus.de
www.sopor-aeternus.de
http://www.luetke.com
Discographie:
- "Ich töte mich jedesmal aufs Neue, doch ich bin unsterblich, und ich - erstehe wieder auf ..." – in einer Vision des Untergangs. (CD; 1994)
- "Todeswunsch" – Sous le Soleil de Saturne (CD ; 1995)
- "Ehjeh Ascher Ehjeh" (Mini-CD; 1996)
- "The inexperienced Spiral Traveller" (CD; 1997)
- "Voyager – The Jugglers of Jusa" (Min-iCD; 1998)
- "Dead Lovers‘ Sarabande – Face 1" (CD; 1999)
- "Dead Lovers‘ Sarabande – Face 2" (CD; 2000)
- "Songs from the inverted Womb" (CD; 2001)
- "Nenia C’alladhan" (CD; 2002)
- "Es reiten die Toten so schnell – or: The Vampyre sucking at his own Vein" (CD; 2003)
- "La Chambre d'Echo- Where the dead Birds sing" (BOOK & CD; 2004)



