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Ich hätte ihn am Kragen packen und ordentlich durchschütteln, ihm links und rechts eine Ohrfeige verpassen und ihn zudem mit aller Kraft in den Hintern treten mögen! Normalerweise liegen mir solch gewalttätige Gedankengänge fern. Lediglich Günters Mimik, eine verschwommene Mischung aus Verlegenheit und Schuldbewusstsein, gewürzt mit einer Prise unbedarfter Unschuld hält mich von diesem brutalen Vorgang ab. Es wäre so, als verletze ich einen Verletzten. Und das widerstrebt mir. Und dennoch hätte er eingreifen, der Sache vorzeitig ein Ende bereiten müssen! Sich nicht erst jetzt Gedanken machen, da es zu spät ist.
Ich kenne Lea, Günter kennt Lea. Wir beide haben während der ersten Monate des neuen Jahres eine „verbesserte“ Lea kennen gelernt, so hatte es zumindest anfangs den Anschein. Eine selbstbewusste Lea, erotisch und sinnlich, die allerdings, wie sich später herausstellt, meisterhaft ihr Rollenspiel beherrscht. Eine neue, verbesserte Lea, der es mühelos gelingt, sowohl ihre langjährige Freundin zu täuschen, als auch ihren Ehemann monatelang skrupellos hinters Licht zu führen. Letzteres bemerkten wir erst, als es zu spät war. Oder hatten wir beide, Günter und ich, die Signale nicht wahr haben wollen?
Günter, der tagtäglich mit seiner Frau zusammen war, hatte die negativen Veränderungen, die sich nach einer Weile deutlich abzeichneten, natürlich bemerkt, so versichert er es mir wiederholt. Selbstverständlich habe er des Öfteren den Versuch gestartet, seine Lea zur Rede zu stellen. Kein leichtes Unterfangen, da es praktisch ans Unmögliche grenze, Lea zur Rede stellen zu können.
Ja, ich kenne die Dame! Sie weicht unangenehmen Fragen aus, mit einer traumhaften Geschicklichkeit, die ihresgleichen sucht. Wie ein schillernder Schmetterling, dem es möglich ist, seinen Betrachter zu blenden, indem er verhindert, dass ein starrer Blick ihn fixiert. Um den Neugierigen schließlich ganz vom Wesentlichen abzulenken. Dann verwirrt Lea, der Schmetterling, den Fragenden ganz geschickt, indem sie ihn in Zuckerfäden einspinnt, ihn zum willenlosen Opfer degradiert, umhüllt mit jener schweren Süße, die sich wie zäher Sirup auf seine unausgesprochenen Gedanken legt. So lange, bis sich alle seine Fragen in der zähen, klebrigen Masse aufgelöst haben, einfach verloren gegangen sind. Zusammenhänge, längst undefinierbar, haben sich in winzige Fragmente aufgelöst, die scheinbar ohne Zusammenhang im luftleeren Raum schweben. Totale Verwirrung! Man blickt in die Augen der Unschuld, bemerkt nicht, dass sie es faustdick hinter den Ohren hat.
Und schließlich flattert sie davon! Ein leiser Hauch bleibt zurück, Erinnerung an ein wirbelndes, albern kicherndes Etwas –Was wollte ich nun eigentlich von ihr? –
Lea, die Elfe, ätherisch, verführerisch, nicht von dieser Welt. Da geht sie dahin! Perfekt im Schauspiel, perfekt im Verschleiern. Perfekt in der Planung ihres eigenen Niedergangs!
Sie, die nahezu perfekte Schauspielerin, beherrscht fast alle Rollen tadellos, bis auf eine Einzige. Und gerade eben die ist es gewesen, die Günter, ihr Gatte, sich so sehr von ihr gewünscht hat!
Sie suchten gemeinsam nach einem Ausweg. Und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Völlig unbeabsichtigt.

„Was soll ich tun, Denise?“ Günter ist kein guter Schauspieler. Ihm steht das Wasser bis zum Hals. Und das bringt er auch rüber. Zum ersten Mal, seit ich den Mann kenne, und das sind mittlerweile einige Jahre, habe ich das Gefühl, ihm wirklich nahe zu sein. Wir waren uns in unseren Eifersüchteleien um Lea nie besonders grün gewesen. Ein paar Mal war Günter regelrecht von Panik ergriffen. Immer dann, wenn seine Frau nach einem kleineren Ehekrach – größere schien es nicht zu geben - in meine Wohnung flüchtete. Doch Lea ist nicht bi, so wie ich es bin, darauf schwöre ich Brief und Siegel. Ich hätte sie ihrem Mann, selbst, wenn ich gewollt hätte, niemals ausspannen können. Obwohl es mich zugegebenermaßen manchmal in den Fingern gejuckt hat, so eine scharfe Prise Pfeffer über diese Biedermann-Bilderbuch-Ehe der beiden zu streuen. Das widerwärtige Geturtel ging mir zeitweise total auf die Nerven.
Lea hat Günter belogen. Lea hat mich belogen. Macht uns das heute nicht auf eine makabre Art und Weise zu Verbündeten?
Ich weiß keine Antwort auf seine Frage, was er denn nun tun sollte.
„Wie hat das alles begonnen?“ frage ich ihn, nur, um etwas zu sagen, um das Gespräch, die vollkommen unbekannte plötzliche Vertrautheit zwischen uns beiden nicht gleich wieder zu zerstören. Ich stelle die Frage, obwohl Lea mir zu Beginn des Experiments voller Stolz von dem Vorhaben berichtet hat.
Günter, der vor kurzem noch der festen Meinung war, ich sei über den gesamten Verlauf der Dinge bestens informiert, lässt sich mit der Antwort Zeit. Tatsächlich hatte Lea, als ich sie zum letzten Mal sah, nicht nur fürchterlich ausgesehen, sie hatte mich zudem noch um Geld angepumpt. Dabei ließ sie sich in keiner Weise auf meine Fragen ein, wischte die vielmehr mit einer lässigen Handbewegung hinfort, so wie man eine lästige Fliege verscheucht. Ich hatte ihr das Geld nicht ausgeliehen. Sie schien mir zu labil, zu rastlos. Stattdessen riet ich meiner Freundin, wo auch immer ihr Problem läge, innerlich mit den Zähnen knirschend, sich zunächst an ihren Mann zu wenden. Kaum war sie gegangen –beleidigt, was nicht unbedingt ihre Art war – kamen mir Zweifel an der Richtigkeit meines Vorgehens. Hätte ich sie doch nicht einfach so gehen lassen sollen? Doch es wurde mir schnell bewusst, dass mich diese veränderte Person Lea wütend machte. Wütend und hilflos. Ich mochte sie nicht. Wollte sie loswerden. Und ich nahm mir vor, schnellstmöglich mit Günter zu reden. Was, um alles in der Welt ging mit dieser Frau vor sich? Ich schob das Gespräch mit Leas Ehemann von einem Tag auf den anderen. Dann rief Günter mich eines Tages an:
„Lea liegt in der Notaufnahme.“
Nun sitze ich ihm gegenüber. Auch er kann es kaum verwinden, dass sie ihn betrogen hat. Heute wissen wir beide, dass die vielen Stunden, die sie angeblich in meiner Gesellschaft verbrachte, an einem völlig anderen Ort stattfanden. Sie war bereits so verblendet, dass es ihr nicht einmal in den Sinn kam, einer von uns könne ihrer Flunkerei auf die Spur kommen.
Wenn ich sie traf, dann waren es flüchtige Momente, ein hastiges Kaffee hinunterschütten, Blick auf die Uhr: „Sorry, Deniseschätzchen, ich muss noch was erledigen.
„Ja, wie hat das alles begonnen?“ wiederholt Günter lethargisch meine Frage, um sich dann in einem erstaunlichen Redefluss zu ergießen.
„Du erinnerst dich an unsere letzte Sylvesterfeier?“
Wie könnte ich die wohl vergessen? Die Gäste zu schrill, die Musik zu laut, die Drinks zu hart, nach dem Motto: Endlich alleine, ohne Kinder, jetzt fängt ein neues Leben an. Unterschwellig war das klaffende schwarze Loch deutlich zu spüren, dass die volljährigen Zwillinge hinterlassen hatten, nachdem sie ausgezogen und sich einem Studium in Übersee widmeten. Ja, ich erinnere mich gut an diese Sylvesterfeier.
„Wir treiben es ziemlich heftig miteinander, nachdem ihr aus dem Haus wart, noch auf dem Fußboden“, fährt Günter fort und fügt, wie entschuldigend hinzu „Der Alkohol….
Trotzdem hinterließ die wilde Vögelei einen faden Nachgeschmack. Lea, hatte, wie üblich, versucht, einen Orgasmus vorzutäuschen, dabei maßlos übertrieben und war schließlich in ein hysterisches Gelächter ausgebrochen. Ich hatte brav meinen Saft abgespritzt, und fühlte mich hinterher müde und elend. Es war nicht das erste Mal, das ich mich so fühlte.
Obwohl mir nach Schlafen zumute war, ließ ich mich von meiner aufgekratzten Frau – du weißt ja, wie sie sein kann – zu einem längeren Gespräch hinreißen. Ich will dir die Einzelheiten ersparen, Denise. Das Ergebnis ist dir bekannt. Wir haben nie zuvor in einer solchen Offenheit über unsere Bedürfnisse reden können. Vielleicht war es der Sekt, der unsere Zungen lockerte, vielleicht drängten auch die lange im Verborgenen gehaltenen Wüsche mit Kraft an die Oberfläche. Unser Sexleben war so ziemlich im Eimer, das zeigte sich nun in aller Deutlichkeit. Nullachtfuffzehn, wie man so schön sagt. Wenn wir es wieder beleben wollten, das war uns beiden klar, würde es Veränderungen geben müssen.
Lea kannte meine Wünsche bereits seit längerer Zeit. Bereits Monate zuvor hatte ich sie belustigt darauf hin gewiesen, dass sie jederzeit über meinen Körper verfügen könne, wenn ihr danach gelüste. Es würde mir nicht das Geringste ausmachen, wenn sie mich fesseln, knebeln oder schlagen würde. Lea lachte herzlich. Doch mein Wunsch wurde drängender. Meine Fantasie schlug Purzelbäume, ich lieh mir heimlich DVDs aus, wenn sie und die Mädchen abends außer Haus waren.
„Tu es doch einmal, Lea“, flehte ich sie an „wir können es doch nur einmal ausprobieren.“ Sie spürte, dass es mir Ernst war, flüchtete in Ausreden wie: …die Kinder, ….körperliche Schäden, ….seelische Einbrüche usw.,, bis sie schließlich offen zugab:
„Ich kann das nicht! Und ich will das nicht!“
In jener Sylvesternacht redeten wir in aller Offenheit über meine masochistischen Neigungen. Drei Wochen später schenkte sie mir zum Geburtstag eine Stunde bei einer renommierten - so drückte sie es aus -, Domina. Ich war beschämt und beglückt zugleich. Ein teures Geschenk, das war mir klar, ich wollte mich revanchieren.
„Du hast etwas gut, Schatz. Erzähl mir von deinen sexuellen Sehnsüchten.“
Und was soll ich sagen? Sie tat es! Eine Weile dachte ich, ich sei im falschen Film. War das die Lea, die ich zu kennen glaubte? Ich respektierte ihre Wünsche, versprach ihr, zu ihrer Erfüllung beizutragen. Das Verblüffende an der Geschichte war, dass sie im Prinzip genau das Gleiche wollte wie ich! Nur mit dem Unterschied, dass Lea großen Wert auf sich immer wiederholende Rituale legte. Sie wollte aus ihrem Hang zum Masochismus eine Story machen. Ein Rollenspiel mit Inhalt. Einen Film, einen Bestseller, für sich ganz alleine.
„Du brauchst nichts in die Wege zu leiten, ich kümmere mich schon selbst darum“, erklärte sie schmunzelnd „Alles, was ich benötige, ist deine Einwilligung.“ Hätte ich sie ihr doch nie gegeben!
Sie suchte eine Weile herum, war aufgekratzt ohne Ende und fand ihren Meister. Nein, sie wolle die Anonymität wahren, immerhin würde sie mich ja auch nicht nach Einzelheiten über die Besuche bei meiner Lady ausfragen. Wir einigten uns darauf, dass wir es uns durchaus finanziell leisten könnten, einmal im Monat unseren Lüsten zu frönen. Trotz des teuren Auslandsstudiums unserer Töchter. Würde eben der Sommerurlaub gestrichen. Es war doch zu unserem eigenen Besten. Und es war an der Zeit, an unser Bestes zu denken. Immerhin stand nicht nur eine langjährige, gut funktionierende Ehe auf dem Spiel.
Und anfangs klappte es auch. Es gab bestimmte Auflagen. Weder Verlieben, noch Ficken, noch jegliche Art sexueller Annäherungen an Dritte waren tabu. Das waren Dinge, die wir nur für uns alleine beanspruchten. Bevor Lea zu ihrer ersten Session mit Meister Kornelius aufbrach, riet ich ihr dringend, auf einem fest vereinbarten Vertag zu bestehen, der Handlungen ausschloss, die sie ablehnte. Sie lachte, warf ihre Löwenmähne über die Schulter, rief mir ein „Okay“ zu und flatterte davon, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen. Da ging sie hin, zu ihren geliebten Ritualen. Wie immer die auch aussehen mochten.“

Die Schwester ist informiert, dass wir in der Cafeteria anzutreffen sind.
„Sie dürfen nun zu ihrer Frau, Herr Neuberger, ihr Zustand hat sich stabilisiert.“
Eine Viertelstunde und weitere vier Zigaretten später kommt Günter zurück. Bleich und zittrig. Ich bin froh, dass ich Lea heute nicht sehen muss. Nicht in diesem Zustand.
Ich erfahre nicht viel. Nur, dass Lea immer noch sehr verwirrt sei. Die einzigen klaren Sätze, den sie herausbrachte, lauten wie folgt:
„In der untersten Schublade in meinem Schreibtisch….. Ihr müsst mein Tagebuch lesen. Ihr werdet verstehen. Und bitte, kein Wort zu den Kindern.“
Günter legt einen filigranen goldenen Schlüssel auf den Tisch:
„Ich möchte, dass wir es gemeinsam tun.“
„Bitte was?“
„Leas Tagebuch lesen.“

Teil 2 folgt bald....

Dies ist eine Kurzgeschichte unserer Autorin Kay Dark. Kay hat bereits zwei Romane bei uns veröffentlicht. Wem also diese Kurzgeschichte gefällt, dem seien die "Grenzgänger" und "Jägerinnen" empfohlen.
Leseproben findet ihr oben unter "Lesezeit" und die Bücher gibt es natürlich in unserem Shop.

Viel Spaß