Und der letzte Teil...
„Wie oft ist sie noch bei ihm gewesen?“
Günter schaut einigermaßen ratlos: „Ich weiß es nicht.“
Es hat den Anschein, als seien wir hilflose Statisten in einem schlecht gedrehten, drittklassigen Psychothriller. Uns fehlt das Ende der Geschichte. Uns fehlt der Böse, der letztendlich für seine Taten büßen muss.
Es gehen Wochen ins Land, bis wir das Ende von Leas Geschichte erfahren. Sie hat es fertig gebracht, zu schweigen, wie ein Grab. Nachdem Günter die Tagebucheinträge gelesen hat, erstattet er Anzeige wegen Körperverletzung. Obwohl Lea sich weigert, Informationen heraus zu rücken. Oder sie verdrängt ganz einfach. Auf Leas Internetseite finden wir die Adresse von Meister Kornelius. Wir suchen gemeinsam mit der Polizei die leere Wohnung auf, finden Leas Kleidung, sehen die Ösen an der Wand des Folterzimmers, Kerzenstummel, ein staubiges Tuch auf dem Fußboden. Vom Meister keine Spur. Niemand scheint ihn näher zu kennen, es ist so, als habe er niemals existiert. Der Polizei gelingt es zwar, die richtige Identität des Mannes heraus zu finden, dennoch steht sie vor einem Rätsel. Ich vermute, der Meister hat sich längst ins Ausland abgesetzt. Zudem erweist sich die Rechtslage als außerordentlich schwierig, da nicht bekannt ist, inwieweit Lea mit Kornelius Handlungen einverstanden war.
Günter hat seinen Töchtern abgeraten, in den Weihnachtsferien nach Hause zu kommen. „Mama geht es nicht besonders. Sie hatte einen kleinen Unfall. Kein Grund zur Besorgnis….“ Seine Lady besucht Günter nach wie vor. Er braucht sie mehr denn je.
Lea sitzt im Besucherraum, einer Art Wintergarten mit leichten Rattanmöbeln und üppigen Grünpflanzen ausgestattet. Ihr Haar ist nachgewachsen, berührt fast die Schultern. Ich kann den Gedanken nicht unterdrücken, dass sie wieder fast menschlich aussieht. Doch ihr Blick ist noch immer abwesend, verträumt, weltfremd. „Nachts wacht sie manchmal in Schweiß gebadet auf“, erzählt die Schwester „und ruft unablässig nach einem Meister Kornelius.
Lea lächelt. Sie zieht verknitterte Blätter aus ihrer kleinen Tasche.
„Ich habe es für euch geschrieben. Damit ihr wisst, dass ich noch bei klarem Verstand bin. Ich kann mich erinnern. Aber verratet es niemandem!“ Mehr sagt sie nicht. Sie wendet den Blick ab, und schaut nach draußen ins dichte Schneetreiben. Dann ist sie nicht mehr ansprechbar.
Für Günter und Denise
Ich weiß nicht, welcher Tag heute ist.
Seit er mir gesagt hat, dass er von hier fort geht, befinde mich in einer Art Trance. Warum will er mich verlassen? Und wann will er gehen? Wer ist er? Ich kenne nicht einmal seinen wirklichen Namen. Auf seiner Haustürklingel klebt nur ein weißer Streifen Pappe. Existiert der Meister vielleicht nur in meiner Fantasie?
„Was willst du hier? Wir sind nicht verabredet!“ Er begrüßt mich sehr unhöflich. Ist das sein wahres Wesen? Im Hintergrund höre ich Männerstimmen.
„Also, was willst du hier?“
„Lass uns noch einmal spielen.“ Ich glaube, ich habe geweint.
„Wie du willst.“ Sagt er nach einer kurzen Bedenkzeit „ Ich habe allerdings deine Klamotten entsorgt. Warte im Ankleidezimmer.“ Im Flur stehen große Kisten. Als mich der Meister herein ruft, betrete ich einen kahlen Raum. Nur ein Stuhl steht in der Mitte des Zimmers, ein Schrankkoffer an der Wand. Wie üblich, beschuldigt mich Meister Kornelius des Verrats. Als er mir Strafe androht, übernimmt nicht er die Torturen, sondern gibt mich in die Hände seiner „Männer“. Der Meister erteilt lediglich Anweisungen. Die beiden anwesenden baumlangen Kerle übernehmen offensichtlich nur allzu gern die Folter. Das war nicht ausgemacht. Doch ich will mich nicht wehren. Ich kann es nicht. Ich möchte dem Meister gefallen. Zum ersten Mal seit Beginn der rituellen Spiele schäme ich mich. Ich schäme mich, dass fremde Hände mich anfassen und entkleiden. Wenigstens zerreißen sie nicht meine Kleider. Während der erste mich an den Händen fesselt und die Kette durch die Öse in der Wand zieht, hat der zweite bereits damit begonnen, mich zu schlagen. Die Peitsche knallt auf meinen entblößten Hintern. Er schlägt nicht so fest zu wie der Meister. Ich empfinde nicht das geringste erotische Kribbeln. Ich glaube, dass ich mich fürchte. Des Meisters harte Befehle knallen ebenfalls wie Peitschenschläge auf mich herab. Der Raum ist kahl, bis auf einige wenige Utensilien, die wahllos verstreut auf dem Boden liegen. Unter anderem mehrere halb abgebrannte rote Kerzen. Einer der Männer zündet sich eine Zigarette an und hält die Feuerzeugflamme an einen Kerzendocht. Der Meister hat einmal an mir mit Wachs gearbeitet. Ich weiß, was mich erwartet. Ich halte es für erträglich. Doch vor diesen Fremden fürchte ich mich. Ich muss wohl angefangen haben, zu wimmern. Der Meister erteilt den Befehl, mich zu knebeln. Irgendwo auf dem Boden liegt ein schmutziges schwarzes Tuch. Ich würge leicht, als ich den Staub einatme. Ich weiß nicht, wann genau die ganze Zeremonie eskaliert ist. Ich weiß auch nicht, ob der Meister den Befehl gibt, oder seine Schergen eigenmächtig handeln. Irgendeine Stimme verkündet: „Wir werden die Jungfrau opfern“, gefolgt von hämischem Gelächter.
„He, Schlampe, du fickst doch so gerne.“ Das ist mein Meister. Ich will den Kopf schütteln, doch er tritt ganz nahe an mich heran, so dass ich seinen Atem spüren kann. Zwei Finger heben sanft mein Kinn.
„Täubchen“ schmeichelt er „Ich weiß doch, dass du ficken willst.“ Mit einem Ruck zieht er den Knebel aus meinem Mund.
„Los, sag es! Sag, dass du gefickt werden willst!“ Seine Hand spielt bereits zwischen meinen Schenkeln.
„Ha! Und klitschnass ist sie auch schon!“
Sechs Hände binden mich los und legen mich auf den Boden. Während der Meister mich umschmeichelt und liebkost, sammeln die beiden Männer auf sein Geheiß alle Kerzenstummel vom Boden, stellen sie in zwei Reihen auf, fixieren sie und zünden sie an. Jemand geht nach draußen und bald darauf ertönt eine düstere Musik im Raum. Und dann geschieht alles wie im Traum. Zuerst fesseln und knebeln sie mich, weil ich zunehmend unruhiger werde. Dann entkleiden sich die Männer vollständig. Zum ersten Mal erblicke ich meinen Meister nackt. Es klingt vielleicht komisch, doch sogar nackt strahlt der Mann eine unglaublich starke Autorität aus. Dann beträufeln sie mich von Kopf bis Fuß mit Kerzenwachs. Gleichzeitig. An verschiedenen Stellen. Es ist unangenehm, es schmerzt. Vielleicht verstärkt durch meine Angst. Mit einer breiten Klatsche schlägt Meister Kornelius anschließend das Wachs von meinem Körper, während die beiden anderen Männer mit ihren Schwänzen beschäftigt sind. Sie wichsen, was das Zeug hält. Jetzt ist der Moment gekommen, an dem ich aussteigen will. Ich kann nicht mehr! Verzweifelt versuche ich mich, verbal bemerkbar zu machen. Doch sie tun so, als sähen sie nichts.
„Keine Angst, keiner wird dich vergewaltigen! Niemand will sich in dein geiles Loch bohren, Süße. Das ist wirkliche Folter für dich, hä?“ Dann trifft die erste Ladung Sperma auf meinem Busen auf, die nächste folgt, ergießt sich über meinen Bauch. Mein Gesicht ist tränennass. Das habe ich nicht gewollt! So nicht. Meister Kornelius schließlich ist es, der mich in die Arme nimmt, wiegt und streichelt, wie man es bei einem kleinen Kind tut.
„Du bist gut, Kleines. Unser Spiel ist gleich zu Ende und du warst perfekt.“ Warum tröstet mich das heute nicht?
Und dann haben sie es getan. Einer der Männer hat ein Messer aufgetrieben und mir dieses Kreuz auf den Bauch geritzt. Der zweite hält derweil meine Schultern fest. Hinter mir kniet Meister Kornelius und drückt mit seiner Hand auf meinen Mund. Der Mann hat nicht tief geschnitten. Nur die Haut angeritzt. Heute weiß ich das. Es sind keine Narben zurückgeblieben. Doch es tat damals höllisch weh! Die Demütigung tat weh! Und, dass mein Meister es zuließ, tat weh! Versteht ihr mich?
Ja, und dann habe ich gesagt, ich muss mich übergeben. Und durfte auf die Toilette gehen. Alleine. Ich habe draußen meine Jacke übergezogen und bin aus dem Haus gerannt. Na ja und irgendwann in der Nacht, ich denke, es waren Stunden später, hat mich dann der Passant in dieser Tiefgarage gefunden. Das ist die Geschichte. Und ich werde nicht mehr lügen. Ich liebe euch. Beide. Doch trotzdem vermisse ich den Meister. Ganz fürchterlich. Sie wollen mich hier von dieser Sucht heilen. Sollen sie es doch versuchen. Sie werden ihn nicht aus meinem Kopf entfernen können!
Günter und ich sitzen auf seiner Couch. Wir können nicht mehr trauern. Nicht mehr um die verlorene Lea weinen. Sie wird nie wieder dieselbe sein wie früher. Stattdessen machen wir das, was wir seit zwei Wochen tun. Zuerst klammern wir uns aneinander wie Ertrinkende, und dann irgendwann ficken wir schließlich miteinander. Es ist nicht befriedigend, nicht wirklich. Doch wir brauchen es beide. Täglich. Indem wir in Gedanken an sie einander spüren, lassen wir gewissermaßen einen Teil von Lea wieder auferstehen. Den Teil, den Kornelius nicht zerstören konnte. Der Fall ist abgeschlossen, der verschwundene Meister nur noch ein Mysterium. Dass er jemals existiert hat, sieht man nur an Lea. Wie viele Leas mag es wohl dort geben, wo Kornelius eben in diesem Augenblick sein Unwesen treibt?


